Muss Psychotherapie schnell wirken?
Viele Menschen beginnen eine Psychotherapie mit dem Wunsch, dass sich etwas verändert. Vielleicht soll die Angst weniger werden. Vielleicht das Grübeln. Vielleicht dieses Gefühl, ständig unter Druck zu stehen oder sich selbst im Weg zu sein.
Und das erscheint nachvollziehbar. Wer leidet, wünscht sich Entlastung.
Gleichzeitig könnte sich die Frage stellen, ob Veränderung immer möglichst schnell erfolgen muss. Oder ob manche Prozesse vielleicht ihre eigene Zeit brauchen.
In einer Gesellschaft, die auf Effizienz ausgerichtet ist, begegnen uns häufig Botschaften, die schnelle Lösungen versprechen. Probleme sollen behoben, Symptome reduziert und Ziele möglichst rasch erreicht werden.
Doch menschliches Erleben lässt sich oft nicht in derselben Geschwindigkeit verändern wie ein Termin im Kalender.
Was bedeutet eigentlich „wirken“?
Wenn Menschen fragen, ob Psychotherapie wirkt, frage ich Klient:innen gerne:
Woran würden Sie erkennen, dass sich etwas verändert?
Die Antwort darauf fällt nicht immer eindeutig aus.
Manchmal zeigt sich Veränderung darin, dass belastende Symptome weniger Raum einnehmen. Manchmal darin, dass neue Handlungsmöglichkeiten entstehen. Und manchmal könnte Veränderung zunächst darin bestehen, etwas besser zu verstehen, das bisher nur belastend oder verwirrend erschien.
Aus systemischer Sicht wäre Veränderung nicht zwingend das Gegenteil eines Problems. Vielmehr könnte sie bedeuten, dass neue Perspektiven auf ein Thema entstehen und dadurch mehr Beweglichkeit im Umgang damit möglich wird.
Wenn Probleme nicht isoliert betrachtet werden
Die systemische Psychotherapie geht davon aus, dass Menschen immer in Zusammenhängen leben.
Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen entstehen nicht losgelöst von Beziehungen, Erfahrungen oder den Kontexten, in denen wir uns bewegen.
Deshalb könnte sich in einer Therapie manchmal weniger die Frage stellen:
Wie bekomme ich dieses Problem möglichst schnell weg?
Sondern vielmehr:
In welchen Situationen zeigt es sich besonders?
Was verändert sich, wenn es weniger präsent ist?
Welche bisherigen Lösungsversuche gab es bereits?
Welche Bedeutungen könnten mit dem Problem verbunden sein?
Und welche Möglichkeiten wären denkbar, wenn sich etwas verändern würde?
Nicht jede Frage führt unmittelbar zu einer Antwort.
Manchmal eröffnet sie zunächst neue Blickwinkel.
Veränderung verläuft selten geradlinig
Vielleicht kennen Sie das aus anderen Lebensbereichen: Entwicklung geschieht oft nicht in einer geraden Linie.
Es gibt Phasen, in denen vieles in Bewegung kommt. Und andere, in denen scheinbar wenig passiert.
Auch therapeutische Prozesse könnten so verstanden werden.
Manchmal entsteht das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Erst rückblickend wird sichtbar, dass sich bereits etwas verändert hat – vielleicht in der Art, wie Situationen wahrgenommen werden, wie Entscheidungen getroffen werden oder wie mit Belastungen umgegangen wird.
Veränderung könnte daher weniger als einzelner Moment verstanden werden, sondern eher als Prozess.
Muss Psychotherapie also schnell wirken?
Vielleicht lässt sich diese Frage nicht allgemein beantworten.
Manche Menschen erleben bereits nach wenigen Gesprächen eine spürbare Entlastung. Andere benötigen mehr Zeit, um Vertrauen aufzubauen, Zusammenhänge zu erkennen oder neue Erfahrungen zu machen.
Möglicherweise geht es deshalb weniger darum, wie schnell Psychotherapie wirkt.
Sondern darum, welche Veränderung überhaupt entstehen soll.
Und ob die Therapie einen Raum schaffen kann, in dem neue Perspektiven, neue Bedeutungen und neue Handlungsmöglichkeiten entstehen dürfen.
Ein systemischer Blick auf Veränderung
Aus systemischer Perspektive wird Veränderung nicht gemacht oder verordnet.
Sie könnte vielmehr als etwas verstanden werden, das in einem gemeinsamen Prozess entsteht – durch Gespräche, neue Sichtweisen, Reflexion und die Auseinandersetzung mit den eigenen Lebenszusammenhängen.
Vielleicht beginnt Veränderung manchmal nicht dort, wo wir eine schnelle Lösung finden.
Sondern dort, wo wir beginnen, andere Fragen zu stellen.
Über die Autorin
Ich bin Bettina Woloch, systemische Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision mit Praxen in 1010 Wien und 1140 Wien. Unter dem Motto: mit Hirn, Herz und Humor begleite ich Sie kompetent und einfühlsam auf Ihrem Weg zu mehr Wohlbefinden. Mehr zu meiner Arbeitsweise und Praxis finden Sie hier.
